Im Ausstellungsraum bereitet Mathias Angermeir Espresso zu. Bevor er die Tasse in den Kaffeevollautomaten stellt, wärmt er sie mit kochendem Wasser aus der Spültischarmatur vor. Die Einbaumaschine ist in die Front einer rustikalen Vollholzküche der ganz eigenen Bauart integriert. Die Schrankelemente wirken darin wie eingemauert. Zwischen Kücheninseln, Massivholzfronten und sorgfältig inszenierten Materialien erklärt Mathias Angermeir, wie seine auf Küchen spezialisierte Schreinerei arbeitet.
Im Nussdorfer Küchenhaus beraten die Verkäufer ihre Kunden zunächst im Showroom und entwickeln erste Grundrisse und Entwürfe. Mathias Angermeirs Mutter Johanna Angermeir erstellt daraus eine perspektivische Handzeichnung, die dann dem Angebot beiliegt. Ist der Auftrag erteilt, misst das Team die Räume digital mit dem Flexijet auf und übernimmt die Daten direkt in Arbeitsvorbereitung und Konstruktion. Dort erstellen die Mitarbeiter Installationspläne, Fertigungszeichnungen und Produktionsdaten für die Werkstatt. Die Daten organisiert die Schreinerei mit JPC-Wood mit Sitz in Prien am Chiemsee. Gemeinsam mit dem Softwarepartner entwickelte das Unternehmen ein eigenes ERP-System auf Basis von Microsoft 365, Teams und individuell programmierten Apps. Darüber laufen Projektorganisation, Zeiterfassung, Lagerlogistik und die Kommunikation zwischen Werkstatt, Montage und Arbeitsvorbereitung. Jeder Schreiner arbeitet dabei mit einem Tablet und greift direkt auf Pläne, Stücklisten, Fotos und Projektdaten zu.
Massivholz und Altholz spielen im Nussdorfer Küchenhaus trotz aller Digitalisierung weiterhin eine zentrale Rolle. Ein Teil des Holzes stammt aus eigenem Wald oder der Region. Die eigene Blockbandsäge schneidet aus Baumstämmen und Altholzbalken Bretter und eigenes Sägefurnier. Das Werkstattteam stellt das Holz zunächst für jedes Projekt passend zusammen. Nach der weiteren Bearbeitung bürstet, schleift und ölt es die Oberflächen abschließend.
Vom Händler zur Schreinerei
Das Nussdorfer Küchenhaus entstand 1992 zunächst als Möbel- und Küchenhandelsbetrieb, gegründet von den Eltern von Mathias Angermeir. Mit den Jahren entwickelte sich das Unternehmen immer stärker vom Handel zur eigenen Fertigung. Schreinermeister Mathias Angermeir stieg 2013 in den Betrieb ein und übernahm Ende 2019 gemeinsam mit seinem Bruder Rudi Angermair die Geschäftsführung. Der unerwartete Tod des Vaters im Jahr 2021 prägte die weitere Entwicklung des Unternehmens zusätzlich. Heute beschäftigt der Betrieb rund 30 Mitarbeiter, darunter etwa elf Schreiner und vier Mitarbeiter in der Arbeitsvorbereitung. Die Corona-Jahre wurden für das Nussdorfer Küchenhaus zu einem entscheidenden Wendepunkt. Die Lieferprobleme und Unsicherheiten dieser Zeit bestärkten die Geschäftsführung darin, die Fertigung möglichst vollständig ins eigene Haus zu holen. Während der Betrieb früher komplette Küchen oder große Baugruppen zukaufte und später zumindest noch Korpusse und Beschläge extern bezog, entstand während der Pandemie zunehmend der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit von Herstellern, Lieferketten und internationalen Transportwegen. Besonders prägend seien Situationen gewesen, in denen sich Maße auf der Baustelle kurzfristig änderten, Material aber bereits bestellt war oder Lieferungen sich verzögerten. In der Folge investierte die Schreinerei in Format4-Maschinen der Felder Group: die für den Pendelbetrieb ausgelegte 5-Achs-CNC »H350«, die Kantenanleimmaschine »Tempora F800« und die Dickte »Exact 63«. Parallel dazu entwickelte die Schreinerei ihre interne Organisation weiter, um Planung, Arbeitsvorbereitung, Fertigung und Montage enger miteinander zu verzahnen.
Die Pandemie wurde damit weniger Auslöser einer kurzfristigen Krise als vielmehr Beschleuniger einer strategischen Neuausrichtung: weg vom klassischen Küchenhandel, hin zu einer weitgehend eigenständigen Küchenfertigung.
Mehr Unabhängigkeit
Mathias Angermeir sagt: »Corona war so ein Unterstützer dessen, dass du am besten nichts bestellst, weil, wenn du es selber baust, bekommst du es auch. Der Umstieg auf die vollständige Eigenfertigung ist uns gut gelungen. Die neuen Maschinen von Format4 laufen zuverlässig, liefern hervorragende Qualität, sind leicht zu bedienen und sind in den neuen betrieblichen Datenfluss integriert.«